Nachhaltigkeit= sostenibilita´, nachhaltige Entwicklung= sviluppo sostenibile; Bischöfin Margot Käßmann und Deutsche Bank Chef Walter Norbert im Gespräch
Nachhaltige Entwicklung
zwischen Staat, bürgerlicher Selbsthilfe und Eigenverantwortlichkeit
Einführung von Dr. Margot Käßmann in eine Podiumsdiskussion zum Thema „Landesentwicklung in Niedersachsen“
Evangelische Akademie Loccum, 16. Januar 2002
Im Rat für Nachhaltige Entwicklung kommen Vertreter unterschiedlicher
gesellschaftlicher Gruppen zusammen: Wirtschaft, Industrie, Umweltverbände,
schließlich auch die beiden großen christlichen Kirchen. Der Rat
tagt jetzt seit April 2001. Am Anfang dachte ich, ich bin vollkommen fehl
am Platze, weil ich eben nicht zu denen gehöre, die ganz genau wissen,
wie viele Offshore-Windkraftanlagen zu zählen sind, um ein bestimmtes
Energieaufkommen zu erreichen, um dann wieder zu wissen, wie viele
Kernkraftwerke abgeschaltet werden können. Davon verstehe ich wenig.
Allerdings verstehe ich mehr davon, ob Menschen für eine Sache zu begeistern
sind, und ob wir Fragen der Generationengerechtigkeit beispielsweise
Menschen so vermitteln können, dass sie es zu ihrer eigenen
Sache machen. Insofern habe ich den Eindruck, dass ich im Nachhaltigkeitsrat
immer diejenige sein kann, die die Frage der Partizipation, der
Begeisterung für die Sache thematisiert.
Seit 1983 bin ich im Ökumenischen Rat der Kirchen engagiert, und
dort gab es seit 1979 ein Programm „For a just, sustainable and participatory
society“. Es hat mir immer eingeleuchtet, dass die Fragen der
Gerechtigkeit, der Überlebensfähigkeit oder eben Nachhaltigkeit und der
Partizipation zusammengehören. Als dieser Zusammenhang intensiver
in den Kirchen diskutiert wurde, begann er, viele Kirchen sehr unruhig
zu machen.
Für mich ist diese Frage eine ganz entscheidende: Können wir die
Überlebensfähigkeit unserer Gesellschaft, die Generationengerechtigkeit
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Margot Käßmann: Nachhaltigkeit zwischen Staat und Eigenverantwortlichkeit
in einen partizipatorischen Prozess als Frage einbringen?
Ein paar Punkte zur Einleitung unserer Diskussion heute Abend, die
sich weniger auf Niedersachsen beziehen als auf die umfassende Frage:
Nachhaltige Entwicklung - was soll das bedeuten? Es ist ein Wort, das in
aller Munde ist, im Bereich jeder Partei, fast jedes Wirtschaftsunternehmens,
vieler zivilgesellschaftlicher Organisationen. Nachhaltigkeit gehört
zur Programmatik allerorten. Im Dezember hat die Bundesregierung
einen Entwurf für eine Nachhaltigkeitsstrategie vorgelegt für Deutschland.
Ich finde diesen Entwurf insofern beachtlich, als er eindeutig darlegt:
Es geht bei Nachhaltigkeit nicht nur um Umweltfragen, sondern
Nachhaltigkeit ist das Zusammenspiel von ökologischen, aber auch ökonomischen
und sozialen Komponenten. Unter den Kriterien, an denen
Nachhaltigkeit zu messen ist, ist beispielsweise
auch das Kriterium der Einkommensgleichheit
von Frauen und Männern aufgeführt als einer
der 21 Indikatoren, die zusammengestellt wurden.
Ich finde es sehr hilfreich, dass die Bundesregierung
nicht nur diese drei Kategorien
aufgestellt hat, sondern versucht, dazu Schlüsselthemen
zu definieren: Generationengerechtigkeit, sozialer Zusammenhalt,
Lebensqualität und internationale Verantwortung.
Dabei wird deutlich, dass Nachhaltigkeit ein Thema ist, das letzten
Endes alle Lebens- und Entscheidungsbereiche von vor Ort bis zur internationalen
Ebene umfasst. Wer den Entwurf der Bundesregierung liest,
kommt zu dem Schluss, dass von Seiten der Bundesregierung vor allem
politisches Handeln im Vordergrund steht - also Gesetzgebung und
Gesetzentwürfe nach den Kriterien der Nachhaltigkeit. Ich finde es insgesamt
positiv, wenn unser Land Nachhaltigkeit zu einem Thema in politischen
Entscheidungsprozessen macht. Aber ich bin völlig überzeugt,
dass es keine Diskussion um Nachhaltigkeit und keinen Prozess der nachhaltigen
Entwicklung gibt, wenn nicht sowohl die zivilgesellschaftlichen
Bereiche einbezogen werden als auch der und die einzelnen Handelnden
in unserem Staat eine Chance haben, sich tatsächlich an einem solchen
Prozess zu beteiligen.
Dafür gibt es ja etliche Beispiele. Wenn man z.B. nicht fairen Kaffee
Ohne die Chance, sich
wirklich zu beteiligen,
kann es keine Diskussion
über Nachhaltigkeit
geben.
Aber es war eine Chance für mich: Ich konnte - und kann - eine Entscheidung
im Supermarkt treffen, ob ich mich für ein Transfairprodukt
entscheiden wollte oder nicht. Das mag manchen lächerlich erscheinen
und manchen viel zu unbedeutend, aber ich glaube, wenn solche Möglichkeiten,
sich an einem Prozess zu beteiligen, nicht entstehen, dann
wird auch keine Verve für die Frage zustande kommen.
Es geht letzten Endes darum, in einer zunehmend globalisierten
Welt dafür zu sorgen und so zu handeln, dass eben unsere Erde nicht an
übermäßigem Ressourcenverbrauch etc. verendet, darum, dass Zukunft
so gestaltet wird, dass sie tatsächlich möglich ist. Das alte Schlagwort des
Ökumenischen Rates der Kirchen „Global denken – lokal handeln“ kann
hier noch einmal eine ganz andere Dimension gewinnen. Dieses Motto
ist weltweit aufgegriffen geworden, seit 1992 in Rio die Staatsoberhäupter
zusammenkamen. Ich denke, dass wir seitdem natürlich alle
Indikatoren und Fakten aufzählen können. Das passiert im Nachhaltigkeitsrat
ununterbrochen. Was alles schlechter geworden ist, und was
nicht gelungen ist. Insgesamt aber beobachte ich ein breites Bewusstsein,
dass tatsächlich auch eine Veränderung unserer Lebensziele stets notwendig
ist, um diese Generationengerechtigkeit zu erreichen.
Partizipation scheint mir ein Schlüsselbegriff zu sein, damit
Menschen die Möglichkeit erhalten, nicht nur die politischen Entscheidungen
bestimmten Instanzen zu überlassen, sondern selbst zu handeln.
Ich bin mir nicht sicher, wohin die Reise geht zwischen diesen ganzen
Instanzen. Da gibt es die Enquête-Kommission des Bundestages, einen
Staatssekretärsausschuss und eben den Nachhaltigkeitsrat. Wer tut eigentlich
was, und wer hat welche Kompetenzen? Es sind unglaublich
viele Menschen, die immerzu unglaublich viel arbeiten und Lobbyarbeit
betreiben. Ich bin manchmal fasziniert, welche Apparate da zur Verfügung
stehen - manche davon hätte ich ganz gerne in der Kirche, aber
gut...
Mir wird im Nachhaltigkeitsrat deutlich, dass wir uns bis jetzt in der
ganzen Debatte um Zielkonflikte drücken. Alle sind wir für Nachhaltigkeit,
das ist wunderschön und manchmal so ein bisschen wie in der
Kirche, wenn man zum Schluss „Komm, Herr, segne uns“ singt und sich
alle an den Händen fassen und sagen, das wollen wir doch gemeinsam.
Aber bei bestimmten Themen schlummern Zeitbomben, wie z.B. gestern:
das Perspektivenpapier des Staatssekretärsausschusses wurde diskutiert.
Jemand schlug den Satz vor, dass Wirtschaftswachstum notwendig sei,
um Nachhaltigkeit zu erreichen (Interview zwischen Käßmann und Deutsche Bank Chef Walter Norbert). Einer von den Umweltverbänden sagte:
Das ist überhaupt nicht wahr. Das ist völlig falsch. Und dann entstand –
für mich ganz deutlich hochemotional, aber durchaus auch intellektuell
unterfüttert – eine heftige Diskussion: Brauchen wir eigentlich Wirtschaftswachstum,
um Nachhaltigkeit zu garantieren, oder ist Wirtschaftswachstum
vielleicht sogar ein Faktor, der Nachhaltigkeit behindern
könnte? Es konnte dann nicht ausdiskutiert werden,
aber ich frage mich, wo wird dieser zentrale Punkt eigentlich
thematisiert, wo kommen die unterschiedlichen
Gruppierungen in unserem Land zusammen? Das
gilt für jede Ihrer Kommunen, wo kommen die unterschiedlichen
Akteure, die unsere Gesellschaft vorantreiben, zusammen
und diskutieren Zielkonflikte? Wie entsteht eigentlich Zukunftsfähigkeit?
Energiegewinnung ist immer wieder im Nachhaltigkeitsrat ein
Thema, das sofort Auseinandersetzung bringt. Wir haben in unserem ersten
Papier versucht, das irgendwie zu umschreiben, so dass alle damit
leben konnten, aber eigentlich war das ein Ausweichen vor einer zentralen
Frage: Brauchen wir Kernenergie für Zukunftsentwicklung? Wir sind
in Niedersachsen mit unserer Situation in Lüchow-Dannenberg ganz besonders
betroffen. Aber gibt es Orte, an denen wir das wirklich mal miteinander
diskutieren, ohne sofort auf die Barrikaden, in je eigene Argumentations-„
Ghettos“ zu gehen? Sind unsere demokratischen Strukturen
ein Faktor für Nachhaltigkeit?
Ich halte Partizipation für notwendig in solchen Prozessen, aber es
wird natürlich immer stärker behauptet, Globalisierung stellt Demokratie
an den Rand. Ein allgemeines Unbehagen ist vorhanden, dass
Globalisierung politisches Handeln auf Länder- oder gar Bundesebene
zur Farce macht, weil Entscheidungen an ganz anderen Orten fallen.
Zudem glaube ich, dass wir spätestens seit dem 11. September registrieren
müssen, dass unsere Ziele und unsere Vision von einer zukünftigen
Welt, die wir hier miteinander entwickeln, für andere zum Teil überhaupt
keine Ziele sind, mit denen sie sich im Einklang sehen. Ich habe
Diskussionen erlebt im Ökumenischen Rat der Kirchen, bei denen erklärt
wurde: Wenn ihr aus den reichen Industrienationen uns in Afrika, Asien,
Lateinamerika jetzt ressourcenschonendes Verhalten anmahnt, das wir
etwa in Argentinien oder auch in Indonesien an den Tag legen sollten,
ist das eine neue Form von Imperialismus oder Kolonialismus, weil ihr
euch schließlich ressourcenverbrauchend und nicht generationengerecht
entwickelt habt und so zu führenden und reichen Industrienationen
geworden seid.
Mit diesen internationalen Fragen müssen wir uns auseinandersetzen.
Außerdem wird die Behauptung, dass Demokratie und Nachhaltigkeitsdebatten
zusammenkommen, auch immer wieder bestritten. Mein
Eindruck ist insgesamt, dass Nachhaltigkeit als Thema weithin ein Expertenthema
ist. Hier diese Tagung ist ein kleiner Gegenbeweis, gut besucht
und sehr engagiert. Aber schon bei Agenda-21-Prozessen vor Ort bin ich
vorsichtiger. In einem Kirchenkreis beispielsweise habe ich ein Agenda-
Büro besucht, das ganz tolle Vorschläge macht, aber es sind auch da
schon wieder innerhalb der Kommune Experten, die dieses Thema vorantreiben.
Wir sollten tatsächlich aufpassen, dass die Nachhaltigkeitsdiskussion
nicht einer bestimmten Umwelt- und Politikszene zugeordnet
wird, sonst rutscht sie in eine Art Expertenfalle. Mir liegt daran, dass aus
diesem Begriff eine Vision mit Herzblut wird, die auch das Thema
Globalisierung inhaltlich füllt mit der Vision einer tatsächlich gerechteren
Welt. Wobei das Thema soziale Gerechtigkeit, gerechter Ausgleich,
die Frage nach dem Leitfaktor im Nachhaltigkeitsrat schon wieder ein
Thema ist, das alle Emotionen auf den Tisch kommen lässt. Ich glaube
tatsächlich, aus theologischer Perspektive, dass die Grenze eine Chance
sein kann, aber die Frage ist: Ist das zu vermitteln als ein positives Ziel?
Wir haben in den Kirchen lange gebraucht, um einzusehen, dass
„machet euch die Erde untertan“ nicht das oberste Gebot der Schöpfungsgeschichte
ist, sondern vielmehr „ihr sollt die Erde bebauen und bewahren“.
Aus dieser Haushalterschaft für die Erde entwickelt sich im Bereich
der Kirchen eine theologische Leitlinie, die wesentlich stärker die
Frage der Nachhaltigkeit aufgreift, als das vormals der Fall war. Die
Kirchen selbst und theologische Entwürfe erweisen sich lernfähig. Nicht
die Angst vor Katastrophen sondern die Freude am Leben, so haben es
die Toblacher Thesen zur Nachhaltigkeit formuliert, sollte die Diskussion
um Nachhaltigkeit bestimmen. Kein rein kognitives Konzept, daran liegt
mir, sondern eine erfahrbare und spannende Aufgabe, an der alle beteiligt
sein können.
Natürlich ist auch staatliches Handeln gefragt, das ist keine Frage,
und der Ministerpräsident wird sicher für unseren Bereich Niedersachsen
darauf eingehen. Auch die Bundesregierung hat insgesamt dazu einen
Beitrag mit ihrer Strategie für die Bundesrepublik geleistet. Allerdings
bleibt bei mir der Eindruck bestehen, dass allzu viele aneinander vorbei
agieren, ohne dass das Thema in der Breite der Bevölkerung Tritt fasst.
Sicher, es gibt immer nur bestimmte Zirkel von Akteuren, aber wenn
Sie sich den Entwurf der Bundesregierung angucken, sind da 21 Indikatoren
zusammengestellt. Dann sagen mir Vertreter der Umweltbewegung,
wir haben doch längst ganz andere Indikatoren. Also wer spricht
eigentlich mit wem über Nachhaltigkeit? Außerdem sind die Akteure
selbst zu wenig miteinander im Gespräch. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung
wird keine Revolution im Rahmen der Nachhaltigkeit entwickeln,
aber ich bin überzeugt, dass er einen beispielhaften Beitrag dafür
leisten könnte, wie Einzelpersonen aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen
Bereichen, miteinander über Zielkonflikte und Strategieentwürfe
sprechen. Außerdem bin ich überzeugt, dass wir viel stärker in
den Mittelpunkt stellen müssen, wie eine nachhaltige Kultur entstehen
kann, auch an sehr kleinen Punkten.
Kürzlich habe ich eine berufsbildende Schule besucht, in der mehrere
Lehrkräfte mit Schulklassen Projekte zur Nachhaltigkeit entwickelt
haben, fächerübergreifend, unglaublich kreativ. Solche Beispiele, begeistern
mich oft mehr als bestimmte Thesenpapiere, die es zum Thema
Nachhaltigkeit zu lesen gibt. Die Kommunikationsfrage, gerade in die
nächste Generation hinein, ist entscheidend. Deshalb finde ich es spannend,
dass unter den Indikatoren der Bundesregierung auch die Bildungsfrage
zu finden ist. Nachhaltigkeit ist für mich kein Verzichtskonzept,
sondern ein Gewinn, und ich finde, es ist eine außerordentliche
Herausforderung, wenn wir miteinander in Niedersachsen darüber nachdenken:
Wo können wir beispielhaft, glaubwürdig und mit einer positiven
Identifikation Nachhaltigkeit gestalten? Staatliches Handeln und
bürgerliches Engagement gehören für mich unverzichtbar zusammen.
Wir brauchen sichtbare Leitprojekte und Leitbilder, mit denen Menschen
sich identifizieren können.
Was das sein könnte in Niedersachsen? Ich habe den Bericht daraufhin
noch mal durchgeschaut:
Thema Entwicklungszusammenarbeit: Kann Niedersachsen wieder
Anschluss finden an das Volumen vergangener Jahre? Können wir vielleicht
„Leuchtturmprojekte“ definieren?
Thema Erholungsräume: Niedersachsen hat landschaftlich so viel anzubieten.
Greifen wir das unter dem Thema Nachhaltigkeit auf?
Thema Energieeffizienz nutzen: das Thema ist noch lange nicht ausdiskutiert
in Niedersachsen und die Frage bleibt, wo finden wir Räume
abseits von Transporten, dieses zu tun? Die Akademie tut da ihr Teil, und
wir haben immer wieder auch Diskussionsveranstaltungen, aber nach
meinen Besuchen in Gorleben greift das alles nicht auf, was auch emotional
an Zusammenhängen besteht.
Thema Stadtkultur und Landkultur: Wie können wir Stadtkultur stärken,
wenn demnächst 58 Millionen Deutsche in Städten leben? Was bedeutet
das für die Stadtkultur, wie sieht das aus?
Und schließlich Thema Bildungsoffensive: Da will ich das meiste natürlich
Ihnen überlassen, was eine Bildungsoffensive betrifft, aber aus
kirchlicher Sicht möchte ich fragen: Findet eine Bildung statt, die Menschen
hineinnimmt in Verantwortung für ihr Land, für ihre Stadt, für
ihre Gesamtkultur? Ich meine, der Begriff Nachhaltigkeit kann da etwas
positiv besetzen, wenn wir ihn nicht verkommen lassen zu einem
Beliebigkeitsbegriff, unter dem alles und jedes zu vermarkten ist.
Quelle: http://www.nachhaltigkeitsrat.de/service/download/publikationen/broschueren/Broschuere_Nachhaltigkeit_und_Gesellschaft.pdf
12.19.2007
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